Fotos © Robert Wimmer

INTERVIEW Wiener Zeitung, Printausgabe 22. Februar 2008

»Sogar Doderer schätzte unsere Dialekt-Gedichte«

Friedrich Achleitner im Gespräch mit Christine Dobretsberger

"Wir waren der Ansicht, dass man mit Sprache eigene Wirklichkeiten erzeugen kann."
“Wiener Zeitung“: Herr Achleitner, vor kurzem gab es eine Neuauflage Ihres erstmals im Jahr 1973 publizierten "quadratromans". Ist das als eine Art Renaissance der Texte von Dichtern der legendären "wiener gruppe" zu verstehen?

Friedrich Achleitner: Sagen wir so: In diesem Fall war es eher ein Zufall. Als ich im Rahmen einer Vernissage im Atrium der Österreichischen Beamtenversicherung Auszüge aus dem "quadratroman" las, entstand von Seiten der Generaldirektion spontan die Idee, dieses vergriffene Buch neu aufzulegen. Inhaltlich und optisch blieben die Texte ident.

Das heißt, jede Seite entspricht nach wie vor einer Art Grafik. Was die Frage aufwirft, ob dieser Textband Ihre beiden Professionen - Sprache und Architektur - zum Ausdruck bringt?

Mit Architektur würde ich den "quadratroman" nicht in Zusammenhang bringen. Höchstens indirekt. Die Idee dazu entstand 1972 in Berlin, als ich im Zuge eines einjährigen Stipendiums endlich wieder Zeit für Literatur fand. Gleichzeitig schrieb ich ein wenig für die Schweizer Zeitschrift "Bauen und Wohnen", von der ich einen Stapel von Umbruchpapier mitnahm. Auf diesen Bögen waren abgesetzte Quadrate gedruckt. Und mit der Zeit begann ich in diesen Quadraten - und drumherum - Texte zu notieren.

Das Quadrat ist sozusagen die Hauptfigur.

So ist es. Eben eine Art visuelle Poesie, die aber, wie gesagt, nichts mit Architektur zu tun hat.

Umgekehrt gefragt: Gibt es Ihrer Ansicht nach - im übertragenen Sinn - eine Sprache der Architektur?

Alles, was in irgendeiner Form lesbar ist, etwa auch Spuren, hat eine Analogie zur Sprache. Allerdings kann Architektur naturgemäß das nicht, was Sprache kann, nämlich Dingen präzise Bedeutungen verleihen. Die Elemente in der Architektur sind mehr vom Kontext abhängig. Bestes Beispiel dafür ist die griechische Säule, die gut 2000 Jahre symbolisch verwendet wurde - bis hin zur Revolutionsarchitektur, aber auch bis zum Nationalsozialismus oder Sozialistischen Realismus. In diesem Sinn ist Architektur weniger Sprache als nonverbale Mitteilung.

Architektur - verstanden als Zeichensetzung?

Genau. Zeichen sind immer lesbar und mit Bedeutungen beladen. Aber trotz dieser Abgrenzung zwischen Architektur und Sprache gibt es natürlich auch die sogenannte narrative Architektur. Bauten, etwa von Hundertwasser, sind überwiegend narrativ, also erzählend, gehen von der Architektur in Richtung Surrealismus. Aber das Hauptanliegen von Architektur ist keine sprachliche Mitteilung. Das ist klar.

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