Fotos: © Robert Wimmer

INTERVIEW Wiener Zeitung, Printausgabe 29. März 2014

»Allein sein ist immer noch nicht schön«

Christine Dobretsberger im Gespräch mit Cornelia Köndgen


Die Schauspielerin Cornelia Köndgen erzählt vom Liedermacher Ludwig Hirsch, mit dem sie 35 Jahre lang verheiratet war. Außerdem erklärt sie, welche Bedeutung die Psychoanalyse für sie hat und berichtet über ihr neuestes Theaterprojekt.

Wiener Zeitung: Frau Köndgen, was hat Sie letztendlich bewogen, zwei Jahre nach dem Tod Ihres Mannes Ludwig Hirsch ein Buch über Ihre gemeinsame Zeit zu schreiben?

Cornelia Köndgen: Der erste Impuls, mich mit diesem Gedanken auseinander zu setzen, kam vonseiten der Verlegerin Maria Seifert. Sie hatte vor zwei Jahren Ludwigs Liedtexte in Buchform herausgebracht und machte mir viel Mut, mich an dieses Projekt zu wagen. Irgendwann kam ich an den Punkt, wo ich mir sagte: Ich möchte dieses Buch schreiben. Bestärkt in meinem Entschluss hat mich auch die Vorstellung, dass womöglich jemand anderer dieses Buch schreibt, der behauptet, ein Freund von Ludwig gewesen zu sein.

Der Titel des Buches - "Mit einem kleinen Schuss ins Rot" - lässt viele Assoziationen zu. Wie möchten Sie diese Metapher verstanden wissen?

Die Deutung möchte ich dem Leser überlassen. Ludwig Hirsch ist immer mit den Farben Schwarz und Dunkelgrau in Verbindung gebracht worden. Aber es gab auch rote Zeiten, was nicht politisch zu verstehen ist, sondern Rot als Farbe der Liebe, des Blutes, des Widerstands - all das war Ludwig. Ich habe ihn oft rot erlebt. Der Titel ist auch eine abgewandelte Textzeile aus dem Lied "Nix anders zählt", da heißt es: "Grün ist der Lenz mit an klanen Schuss ins Rot." Mir war von Anfang an klar, dass ich keine Biografie im Sinne eines linear aufgezeichneten Lebenslaufs schreiben möchte. Die Lebensstationen kann man jederzeit im Internet googeln. Ich habe nur Lebensereignisse beschrieben, die für uns beide einschneidend waren. Gleichzeitig wollte ich aber auch nicht meinen jetzigen Zustand verheimlichen, der nun einmal ein anderer Zustand ist, ein Zustand der Trauer und der Suche nach Neuorientierung im Leben. All das hat sich aber erst beim Schreiben ergeben. Wenn ich in unsere gemeinsame Vergangenheit, in die Erinnerungen hineingegangen bin, war ich in einer ganz anderen Welt. Und ich habe mich gefragt: Wie ist meine heutige Position dazu?

Als Sie Ludwig Hirsch Mitte der 1970er Jahre kennenlernten, waren Sie beide als Schauspieler, also im selben künstlerischen Metier, tätig. Mit den Jahren verlagerte sich Ludwig Hirschs künstlerisches Schaffen mehr in Richtung Musik. Gab es über all die Jahre dennoch eine gegenseitige Beeinflussung, einen künstlerischen Austausch?

Ludwig kam nach wie vor auf meine Theaterproben und ich auf seine Konzertproben. Ich war auch die Erste, die seine Liedtexte in die Hand bekommen hat und war wohl seine strengste Kritikerin. Natürlich nimmt man in gewisser Weise Einfluss auf das Schaffen des Partners. Ludwig war ebenso wie ich ein Mensch vom Theater und im Umgang mit Literatur geschult. Da entwickelt man schon ein gewisses Gespür für Texte.

Seinen größten Hit "Gel‘, Du magst mi", schrieb Ludwig Hirsch unmittelbar nach Ihrem ersten gemeinsam verbrachten Tag. In diesem Fall kann man wohl tatsächlich von Liebe auf den ersten Blick sprechen?

Ja, wobei diesem Tag, den Sie ansprechen, noch eine andere Begegnung vorausging. 1975 kam ich für Dreharbeiten für den Film "Das Feuerwerk" nach Wien. Eines Abends nahm mich mein Kollege Christian Futterknecht ins Theater in der Josefstadt mit. Auf dem Programm stand das Stück "Dreyfus" von Jean-Claude Grumberg. Zwei Schauspieler faszinierten mich auf Anhieb: Leopold Rudolf und sein jüngerer Kollege, der gut und gern sein Sohn hätte können, zumal sie sich nicht nur in der filigranen Kunst der Darstellung, sondern auch optisch ähnlich waren.

Und dieser jüngere Kollege war Ludwig Hirsch?

Ja, ich war von seiner Stimme, von seiner ganzen Erscheinung angetan. Damals kam es allerdings zu keinem persönlichen Treffen. Auch später liefen wir uns nicht über den Weg, weil wir an unterschiedlichen Häusern spielten. Ich spielte am Haupthaus, im Theater in der Josefstadt, und Ludwig im Kleinen Theater im Konzerthauskeller. Erst viele Monate später trafen wir einander zufällig am Vormittag im Café Maria Treu im achten Bezirk. Dort saßen wir dann bis Mitternacht zusammen und zogen danach gemeinsam weiter . . .

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