Fotos: © Robert Wimmer

INTERVIEW Wiener Zeitung, Printausgabe 3. Mai 2014

»Träume sind Botschaften an uns selbst«

Christine Dobretsberger im Gespräch mit Brigitte Holzinger

Die Wiener Schlaf- und Traumpsychologin Brigitte Holzinger über unsere nächtlichen Phantasiereisen, psychotherapeutische Traumarbeit, die Behandlung von Albträumen - und über Klarträume, bei denen man zugleich Autor, Regisseur und Darsteller ist.

"Wiener Zeitung": Frau Holzinger, Sie leiten das Institut für
Bewusstseins- und Traumforschung und haben zuletzt ein Buch über Albträume veröffentlicht. Eine prinzipielle Frage vorweg: Warum träumen wir?

Brigitte Holzinger: Das ist eine Frage, die man nur aus Erfahrung beantworten kann. Eine wissenschaftliche Bestätigung gibt es noch nicht. Meine Meinung ist, dass wir im Traum sinnliche Eindrücke, die wir tagsüber bewusst oder unbewusst wahrnehmen, verarbeiten und in den bereits bestehenden Erfahrungsschatz integrieren. Ich denke, dass der Traum maßgeblich dazu beiträgt, dass wir eine innere Welt kreieren, die wir in der Folge als selbstverständlich erachten.

Was ist Ihrer Ansicht nach die Wurzel des Traumes?

Die Wurzel des Traumes würde ich im Gefühl orten. Meiner Ansicht nach sind Träume Gefühle und Gedanken, die in bewegten Bildern dargestellt werden. Mit bewegten Bildern meine ich aber nicht einen Film, sondern vielmehr eine Art Tableau von Sinneseindrücken, die sich in Bewegung befinden. Man könnte auch von Atmosphären sprechen, die eng mit unserer Existenz verknüpft sind und die für uns in irgendeiner Weise wichtig sind.

Träumt jeder Mensch, zumal sich nicht jeder an seine Träume erinnern kann?

Die Schlafforschung geht davon aus, dass wir im REM-Schlaf, also im Schlaf der schnellen Augenbewegungen, immer träumen. Wenn man Menschen aus dem REM-Schlaf weckt, liegt die Wahrscheinlichkeit bei 97 Prozent, dass man Traumberichte erhält. Allerdings ist leider immer noch nicht ausreichend erforscht, ob wir nicht auch in anderen Schlafphasen träumen oder traumähnliche Vorgänge haben.

Sie haben ein Buch zum Thema "Schlafcoaching" veröffentlicht. Hier sprechen Sie davon, dass dem Schlaf eine bestimmte "Architektur" zueigen ist.

Unser Schlaf läuft in Zyklen ab, die jeweils etwa 90 Minuten dauern. Verkürzt gesagt, wechselt sich der komaähnliche Tiefschlaf mit dem REM-Schlaf ab, dazwischen kennen wir Übergangsstadien. Wenn jemand nun acht Stunden schläft, wiederholt sich dieser Zyklus pro Nacht fünf Mal, und man hat somit auch fünf REM-Schlafphasen, also fünf Zyklen, in denen man träumt.

Woran liegt es dann, dass manche Menschen so gut wie keine Erinnerung an ihre Träume haben?

Hier gibt es eine Theorie des amerikanischen Schlafforschers Allan Hobson, die meiner Ansicht nach aus heutiger Sicht zu eindimensional ist, aber als Beschreibung doch brauchbar sein kann. Hobson sagt, der Stoff, aus dem die Träume sind, steht mit dem Neurotransmitter Acetylcholin in Verbindung. Zum Erinnern brauchen wir auch Adrenalin, also Kraft und Energie, dies ist der Botenstoff des Wachwerdens oder des Wachseins. Demgegenüber ist Acetylcholin auf das parasympathische Nervensystem abgestellt, also nicht auf Leistung, sondern auf Entspannung. Dies sei auch der Grund, weshalb wir die Träume vergessen. Hobson vertritt die These, dass Träume nichts weiter als das Produkt eines zufälligen Neuronenfeuers sind - und dazu bestimmt, dass wir sie vergessen.

Ihrer Auffassung nach hat der Traum aber durchaus eine wichtige Funktion.

Der Traum tut, was er tun soll, auch wenn wir uns nicht an ihn erinnern können. Möchte man eine seelische oder innere Entwicklung beschleunigen, kann man sich bewusst dem Traum zuwenden. Traumarbeit ist in nahezu allen psychotherapeutischen Schulen ein profundes Mittel, um den facettenreichen Persönlichkeitsstrukturen eines Menschen näher zu kommen.

Welchen Ansatz der Psychotherapie vertreten Sie?

Meine psychotherapeutische Heimat ist die Gestalttherapie, manche nennen sie auch "Therapie der Gefühle". Die Gestalttherapie kennt auch den Begriff der Selbstorganisation, der Selbstheilung des Körpers. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass Störendes oder unfertige Gestalten gleichsam "automatisch" vollendet werden, sodass der Organismus sich ständig verändert, wächst oder wie der Evolutionspsychologe sagen würde, sich ständig anpasst. Dies erklärt auch die Ansicht der Gestalttherapie, dass der Traum uns entwickelt, egal, ob wir ihn uns merken oder nicht.

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