ⓒ Robert Wimmer

INTERVIEW Wiener Zeitung, Printausgabe 12. Juli 2014

"Jedes Haus hat erogene Zonen"

Christine Dobretsberger im Gespräch mit Gustav Peichl

Gustav Peichl spricht über den Zusammenhang von Architektur und Funktion, die Anonymität heutiger Bauherrschaft, den Humor von Bauwerken - und erzählt, wie er als Karikaturist zu seinem Namen "Ironimus" gekommen ist.

"Wiener Zeitung": Herr Peichl, wir sind hier in Ihrem Haus in Grinzing, das auch Ihr erstes realisiertes architektonisches Werk ist. Obwohl das Haus mittlerweile über 50 Jahre alt ist, kann man es als zeitlos modern bezeichnen. Sehen Sie das auch so?

Gustav Peichl: Es ist ein Klassiker geworden und stößt speziell bei japanischen Architekturstudenten auf großes Interesse. Die Herausforderung bei diesem Projekt war die Tatsache, dass die bebaubare Fläche nur fünfeinhalb Meter breit ist. Das entspricht der Breite eines größeren Zimmers. Deshalb sind die Etagen wie eine Stiege zueinander verschoben übereinander gebaut. Jede der drei Etagen erfüllt eine andere Funktion.

Dass die Funktion eines Bauwerks stimmen muss, zählt auch zu Ihrem architektonischen Credo, egal ob es sich um ein Wohnhaus handelt oder um ein Museum . . .

Ja, alles hat eine eigenständige Architektur. Ich kann nicht ein Museum wie ein Wohnhaus bauen und ein Wohnhaus nicht wie ein Spital. Daher ist die Funktion für den Architekten sehr wichtig. Leider muss man sagen, dass es viele neue Bauten gibt, bei denen die Architekten zu wenig auf die Funktionalität geachtet haben.

An welche Bauwerke denken Sie da im Speziellen?

Zum Beispiel an das Haashaus. Aus architektonischer Sicht hat Hans Hollein hier ein sehr interessantes Designwerk geschaffen, aber nach kürzester Zeit haben die Geschäfte umgebaut werden müssen, weil sie nicht funktioniert haben. Dann hat der Besitzer gewechselt und nun ist das Haashaus ein Nobelhotel. Auch Zaha Hadid, die eine sehr intelligente und interessante Person ist, baut eher für den Fotoapparat und weniger für die Funktion.

Ihr architektonisches Schaffen ist sehr heterogen und reicht von den ORF-Landesstudios, der Bundeskunsthalle in Bonn bis hin zum Millennium Tower, den Sie gemeinsam mit dem Architekten Boris Podrecca realisiert haben. Wie kam es zu diesen unterschiedlichen Aufträgen?

Ich habe nie auf einen Auftrag gewartet, sondern an Wettbewerben teilgenommen. Viele meiner Bauherrn waren extravagante, großartige Typen, beispielsweise Claus Peymann.

Sie sprechen von der Realisierung der Burgtheater-Probebühnen im Wiener Arsenal?

Ja, Peymann hat immer alles besser gewusst und ich habe mit ihm ununterbrochen gestritten. Aber stur wie ich manchmal sein kann, habe ich mich durchgesetzt. Da war er anfangs zwar verärgert, aber danach glücklich, weil alles gut funktioniert hat. Gerd Bacher war ebenfalls ein toller Bauherr. Schon vor Bachers Ernennung zum Generalintendanten war ein Architekturwettbewerb für die ORF-Landesstudios beschlossen worden, der 1969 durchgeführt wurde und aus dem ich als Sieger hervorgegangen war. Trotzdem gab es im Vorfeld medialen Krach, weil ich mit Bacher befreundet bin. Im Rahmen einer Pressekonferenz beendete er diese Diskussion dann mit dem Satz: "Mit mir befreundet zu sein ist kein Ausschließungsgrund für gute Architektur." Heutzutage gibt es leider diese entscheidungsmächtigen Bauherrn nicht mehr.

Könnten Sie das näher erläutern?

Der Bauherr von heute ist kein Herr mehr. Entscheidungen über Planungsvorhaben werden in Gremien und Ausschüssen getroffen. Diese Anonymität der Bauherrschaft führt unweigerlich zum Qualitätsverlust, weil gute, bahnbrechende Architektur Mut verlangt. Ein anonymes Gremium wird sich nie gezwungen sehen, eine mutige Entscheidung zu fällen. Intelligente Einzelpersönlichkeiten tun dies zumindest von Fall zu Fall, weil sie auch das sinnliche Element von Architektur erkennen. Das Erschaffen von Bauwerken ist auch eine Kulturaufgabe und wird meines Erachtens viel zu wenig beachtet. Stattdessen konzentrieren sich viele Architekten ausschließlich auf das maximale Ausschöpfen von Quadratmeterzahlen.

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