Fotos: ⓒ Robert Wimmer

INTERVIEW Wiener Zeitung, Printausgabe 30.8. 2014

"Ich habe einen irren Spieltrieb"

Christine Dobretsberger im Gespräch mit Adele Neuhauser

Adele Neuhauser über ihre Rolle als Bibi Fellner im Wiener "Tatort", die Realitätsnähe dieses TV-Formats, die Intensität des Schauspielberufs, ihren Abschied vom Theater - und über persönliche Krisen in jungen Jahren.

"Wiener Zeitung": Frau Neuhauser, Sonntag wird nach der Sommerpause wieder ein neuer "Tatort" ausgestrahlt. Sie ermitteln zum nunmehr achten Mal als Kommissarin Bibi Fellner an der Seite von Harald Krassnitzer. Die neue Folge heißt "Paradies". Worum geht es?

Adele Neuhauser: Es geht um das Thema Altersarmut beziehungsweise um den Versuch, dieser Armut zu entfliehen, indem Drogen über Ungarn geschmuggelt werden. Schauplatz der Geschichte ist ein Altersheim in der Steiermark. Darüber hinaus gibt es eine Parallelgeschichte rund um Bibis Vater, der ebenfalls in diesem Altersheim wohnt und im Sterben liegt, was allerdings mehr erschütternd als traurig ist, weil Bibi ein sehr schlechtes Verhältnis zu ihrem Vater hatte.

Wo wurde gedreht?

In Mautern in der Steiermark.

Wie lange dauerten die Dreharbeiten?

Für jeden "Tatort" haben wir 21 Tage Zeit. Pro Tag werden rund fünf bis sieben Filmminuten gedreht. Das ist verdammt viel und bedeutet: aufstehen um halb fünf und dann geht es bis Einbruch der Dunkelheit durch.

Was blieb Ihnen persönlich von diesen Dreharbeiten in bemerkenswerter Erinnerung?

Die Grundstimmung, die in diesem Altersheim herrschte. Die Geschichte ist nicht weit von der Realität entfernt. Die Einsamkeit, Tristesse und Ausweglosigkeit dieser Menschen ist gut nachvollziehbar, wenn man bedenkt, wie viele Pensionisten mit der Mindestrente auskommen müssen und das einfach nicht schaffen.

Auch beim deutschen "Tatort" ist auffallend, dass die Plots in letzter Zeit immer sozialkritischer werden.

Das ist auch richtig so! Bei keinem anderen TV-Format hat man die Möglichkeit, so nahe an der Realität sein zu können.

Sowohl seitens der Medienberichterstattung als auch hinsichtlich des Publikum-Feedbacks ist man unisono der Ansicht, dass dem Wiener "Tatort" nichts Besseres passieren konnte als Bibi Fellner. Wessen Idee war es, dass Sie nun seit 2011 ein erfrischendes Tempo in die Wiener Ermittlungen bringen?

Harald Krassnitzer hatte sich schon über viele Jahre einen ständigen Partner gewünscht - am besten eine Frau. Mich vorzuschlagen, war seine Idee, weil er der Ansicht war, dass eine ältere Kollegin gut passen könnte, und weil er mich, glaube ich, auch schätzt. Dann bekam ich eines Tages einen Anruf mit der Frage, ob ich mit Harald Krassnitzer spielen wolle - und da habe ich gleich "ja" gesagt, ohne zu wissen, worum es konkret geht. Ich schätze ihn sehr als Schauspieler, ich mag Krimis - und Uli Brée schuf dann diese wunderbare Figur.

Das heißt, Uli Brée schuf Bibi Fellner bereits im Wissen, dass Sie diese Figur spielen werden?

Ja.

Das erklärt einiges, zumal Ihnen diese Rolle wirklich auf den Leib geschneidert scheint und man sich bisweilen gefragt hat: Was war zuerst: die Henne oder das Ei?

Nein, es war zuerst das Ei! Uli Brée kannte mich bereits gut von meiner anderen TV-Serie, "Vier Frauen und ein Todesfall". Vom Typus her schwebte ihm eine unkonventionelle Figur im Stile von Erin Brockovich vor. Also alles ein bisschen gegen den Strich gekämmt. Dass er diese Biographie für Bibi Fellner geschrieben hat, dafür bin ich ihm sehr dankbar. Es ist eine tolle Figur, eine Frau, der ich alles abnehme, weil sie so ambivalent ist. Sie ist nicht in eine Richtung stark oder schwach, sondern sie ist beides. Sie ist witzig und in manchen Situationen humorlos, sie ist mutig und gleichzeitig auch feig, wenn sie zwecks Vertuschung ihrer Alkoholsucht Notlügen auftischt. Sie ist eine Frau, die eine Geschichte hat - und das sieht man selten.

Gibt es für Sie einen Spielraum bei der Charakterzeichnung?

Ich achte sehr darauf, dass sich Bibi Fellner nicht in eine Richtung entwickelt, die ich für falsch halte, was zum Beispiel der Fall wäre, wenn sie sich in ihren Chef verlieben würde. Dann wäre die Geschichte bald zu Ende erzählt.

Gab es Bestrebungen in diese Richtung?

Ja, da tauchten schon Tendenzen auf und ich habe ein bisschen dagegen gesteuert. Ich finde, die beiden sind auch stark, wenn sie "nur" Freunde sind. Mittlerweile sind sie ein gutes Team geworden, und es gibt eine männliche wie weibliche Seite, die Dinge zu betrachten. Das macht es lebendig und ist wie ein gutes Steak, das muss auch noch ein bisschen blutig sein. Das heißt nicht, dass es wahnsinnig viele Leichen geben muss, was mittlerweile ein seltsamer Sport beim "Tatort" geworden ist. Ich halte nichts von dieser Entwicklung, mir geht es um Lebendigkeit und Glaubhaftigkeit. Schließlich erzählen wir Geschichten aus einem sozialen Umfeld, das uns alle betrifft - das ist, meiner Ansicht nach, die Qualität vom "Tatort".

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