Fotos: © Eva Wahl

INTERVIEW Wiener Zeitung, Printausgabe 11.4. 2015

"Kein Verbrechen ist ganz schlüssig erklärbar"

Christine Dobretsberger im Gespräch mit Heidi Kastner

Die Gerichtspsychiaterin Heidi Kastner über allzu große mediale Plattformen für Täter, das Wahrheitsbedürfnis der Angehörigen von Opfern, die wirksamste Prävention von Verbrechen - und über haltlose Spekulationen im Falle des "Selbstmord"-Flugzeug-Copiloten.

"Wiener Zeitung": Frau Kastner, Irrsinnstaten haben Hochkonjunktur. Menschen werden vor laufender Kamera von IS-Terroristen enthauptet, auch steht nicht zum ersten Mal ein Pilot unter Verdacht, ein Flugzeug mit Absicht zum Absturz gebracht zu haben. Sie befassen sich seit vielen Jahren mit Tätern und ihren Motiven. Nimmt der Wahnsinn zu oder ist man aufgrund der medialen Berichterstattung nur besser informiert?

Heidi Kastner: Aufgrund der Geschwindigkeit der Nachrichtenübermittlung partizipieren wir in einem ungleich höheren Maß am globalen Wahnsinn, als wir das früher getan haben. Wobei sich oft die Frage stellt: Welche Relevanz haben diese Meldungen für das Publikum, dem sie zugedacht sind? Ich denke nicht, dass der Wahnsinn zugenommen hat, nur die Berichterstattung darüber.

Wie bewerten Sie generell die Tatsache, dass Tätern diese Bühne der Aufmerksamkeit geschenkt wird?

Problematisch. Täter weisen oft narzisstische Persönlichkeitsanteile auf und genießen die Plattform, die sie bekommen. Es werden Sammelmappen angelegt mit den Artikeln, in denen sie erwähnt werden. Gerade Amokläufern geht es oft explizit um dieses Wahrgenommen-Werden. Wenn der Amokläufer von Emsdetten ankündigte: "Ich will, dass sich mein Gesicht in eure Köpfe einbrennt", dann ist die Frage, warum man ihm diese narzisstische Gratifikation zuteil werden lässt? Man könnte die Täter auch anonymisieren und ihnen diese Plattform nicht bieten. Und somit allen Epigonen vermitteln, dass man sich mit solch einer Tat medial nicht in den Fokus der Aufmerksamkeit katapultieren kann.

Aus der Perspektive der Angehörigen von Terror- oder Unglücksopfern stellt sich die Frage, ob das berühmte Zitat von Ingeborg Bachmann, wonach die Wahrheit dem Menschen zumutbar ist, noch zutreffend ist?

Die Wahrheit ist dem Angehörigen nicht nur zumutbar, man ist sie ihm schuldig. Es ist ein menschliches Grundbedürfnis, die Hintergründe über ein Geschehnis zu erfahren, in verstärktem Maße, wenn uns jemand nahe steht. Es kommt nicht von ungefähr, dass Angehörige von Vermissten nach einiger Zeit gelegentlich sagen: Ich kann mit allem leben, nur Gewissheit will ich haben. Die Wahrheit zu erfahren ist eine ganz wesentliche Voraussetzung, um die Situation handhabbar zu machen und den Spekulationen ein Ende zu setzen. Im Kopf Szenarien zu entwerfen und Spekulationen anzustellen ist der unerträglichste Zustand. Wenn ich weiß, wie es war, kann ich damit aufhören.

Das heißt, erst ab dem Moment, in dem man Gewissheit hat, kann die Trauerbewältigung beginnen?

Beim Begriff "Trauerbewältigung" bin ich immer sehr skeptisch. Ich denke, Trauer ist Trauer, jeder erlebt sie anders, sie kann unterschiedlich lange dauern und ist immer extrem belastend. Wenn Eltern ihre Kinder verlieren, hört diese Trauer wohl ein Leben lang nie auf. Es ist eine völlig überzogene Erwartung, dass diese Trauer irgendwann völlig "bewältigt" und abgeschlossen ist, weil es für einen Elternteil völlig wider die Natur ist, ein Kind zu verlieren. Randy Newman schrieb aus diesem Gedanken sein Lied "Losing you". Sein Bruder war Arzt, er hatte einen jungen Patienten, der mit 20 an einem Hirntumor starb. Danach kamen seine Eltern und sagten, wir haben unsere Angehörigen im Holocaust verloren, damit sind wir mit den Jahrzehnten fertig geworden. Nun haben wir unseren Sohn verloren, wir leben nicht mehr lange genug, um damit fertig zu werden. Ich denke, dieses Bild, so furchtbar es ist, trifft den Kern der Problematik. Wie zuvor erwähnt: Hinsichtlich der Bewältigung von Trauer bin ich skeptisch, aber die Wahrheit darüber zu erfahren, was geschehen ist, ist eine wesentliche Voraussetzung, um die inneren quälenden Fragen bewältigen zu können.

Beängstigendes in eine rationale Erklärungsform zu bringen, um besser damit umgehen zu können, zählt ebenfalls zu den menschlichen Grundbedürfnissen. Wie könnte Ihrer Ansicht nach eine konstruktive mediale Katastrophenberichterstattung aussehen?

Indem Fakten vermittelt werden und nicht vermeintliche Bedürfnisse befriedigt werden, die medial in Menschen geweckt werden. Welche Farbe die Socken hatten, die der Copilot getragen hat, der das Flugzeug in Südfrankreich in die Felswand gesteuert hat, bringt niemanden auch nur einen Millimeter weiter. Man sollte über die facts of life informiert werden. Weltweit gibt es 38 Millionen Flüge pro Jahr, also rund 100.000 Flüge pro Tag. Von dieser enormen Zahl endet ein ganz ganz kleiner Bruchteil im Desaster. Meiner Ansicht nach wäre es wichtig, die Relationen herzustellen - und diese auch zu betonen. Panikmachen bringt niemandem etwas und schürt nur die Angst. Es gibt eine Untersuchung über Kanada und Amerika, wo es ähnliche Waffengesetze, aber ganz unterschiedliche Kriminalitätsstatistiken gibt, was Tötungsdelikte mit Schusswaffen betrifft. Man kam zum Ergebnis, dass ein wesentlicher Grund dafür die unterschiedliche Berichterstattung ist.

In Amerika überwiegt eine hysterisierende Berichterstattung und es wird das Bild allgegenwärtiger Bedrohung vermittelt. In Kanada ist eher das Gegenteil der Fall. Das spielt offensichtlich eine ganz wesentliche Rolle, wie man sich dann verhält, wenn man sich in einer vermeintlichen Abwehrsituation befindet. Menschen mit hoher Angstbereitschaft reagieren aggressiver als Leute, bei denen die Angst nicht so geschürt
 wurde.

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