© Franz Svoboda

INTERVIEW Wiener Zeitung, Printausgabe 10. September 2022

»Da sieht man, was er für eine Krätzn ist!«

Christine Dobretsberger im Gespräch mit Dietrich Siegl und Gregor Seberg

Die Schauspieler Dietrich Siegl und Gregor Seberg über Freundschaft, Gegensätze - und die Rolle des "Set-Kasperls" bei TV-Dreharbeiten.

"Wiener Zeitung": Herr Siegl, als ich Sie gefragt habe, wen Sie sich als seelenverwandten Gesprächspartner wünschen, fiel gleich der Name Gregor Seberg. Dann erbaten Sie sich aber dennoch zwei Tage Bedenkzeit. Warum dieses Zögern?

Dietrich Siegl: Weil mein allererster Impuls war, alle, nur nicht der Gregor!

Weshalb?

Siegl: Weil wir zwei bei gemeinsamen Medienauftritten waffenscheinpflichtig sind. Außerdem dachte ich mir, es ist viel zu banal, weil wir so lange miteinander gearbeitet haben und so gut miteinander befreundet sind. Dann, nach zwei Tagen, dachte ich mir, redlich ist es nicht, den Gregor nicht zu nehmen.

Gregor Seberg: Und jetzt sitz ich da, habe Zwetschgen mitgebracht und genau die Obstsorte ausgesucht, die er nicht mag. So weit zur Seelenverwandtschaft ...

Herr Siegl, bei unserem Telefonat sprachen Sie davon, dass es trotz völlig konträrer Persönlichkeitskostüme zwischen Ihnen und Herrn Seberg immer wieder Seelengleichklang gibt. Wo sehen Sie die größten Gegensätze?

Siegl: Gregor ist ein zutiefst extrovertierter Mensch, ich bin eher das Gegenteil, tendiere zur Höhlenmalerei, aber letztendlich stehen wir dann beide gerne im Mittelpunkt.

Seberg: Dass ich extrovertiert sei, ist vielleicht aus der Sicht eines Introvertierten zutreffend. Aber was uns sicherlich wirklich eint, ist, dass wir beide gerne Harmonie haben.

Miteinander oder generell?

Siegl: Generell.

Seberg: Wenn es so etwas gibt wie das Ziel einer Reise und sei es nur einer Tagesreise, ist es das, dass es gut ausgeht für alle Beteiligten. Aber das Problem ist, wenn es gut ausgeht, dann stimmt was nicht.

Siegl: Sobald diese Liebe und Harmonie am Horizont auftaucht, probieren wir alles, um sie wieder zu zerstören. Aber darf ich kurz meine Definition von extro- und introvertiert deponieren: Ich beobachte, dass du Kraft ziehst aus dem Beisammensein mit anderen Menschen. Ich muss mich nach einmal freundlich Grüßen bereits niederlegen, so schwächt es mich. Ich bin kein Partytiger.

Seberg: Interessant finde ich aber, dass beim Bespielen der sozialen Mediathek du wiederum derjenige bist, der das erstens kann, zweitens versteht, warum er so einen Blödsinn macht, und drittens es auch tut. Ich bin vor kurzem gezwungen worden - von Mächten, die stärker sind als ich -, auf Instagram dabei zu sein. Aber ich schau dort nicht hinein, es interessiert mich nicht.

Siegl: Für mich ist dieses soziale Mediengetue wie geschaffen. Da kann ich daheim sein und dann schnell den Laptop zuklappen, wenn jemand was von mir will.

Seberg: Und für mich ist es vollkommen unlogisch, warum ich, wenn ich mit jemanden reden will, nicht mit ihm rede.

Aus Ihrer langjährigen Freundschaft heraus, wie würden Sie Herrn Seberg in einem Satz charakterisieren?

Siegl: Spontan würde ich sagen, er ist ein guter Mensch. Er ist ein Philanthrop. Da ich mich zu dieser Gattung Mensch nicht zählen kann, ist es vielleicht das, was das Yin- und Yanghafte ausmacht bei uns.

Seberg: Ich bin freundlich zu den Menschen, weil ich prinzipiell der Meinung bin, es ist besser, man ist freundlich, als man ist unfreundlich, kann andererseits aber auch biblischen Hass entwickeln in kurzer Zeit.

Siegl: Das ist richtig, und gleich gegen ganze Gesellschaftsschichten und Menschengruppen wettern, wo ich dann wieder sage: Oida, gib einen Frieden!

Was Ihre Herkunft bzw. Kindheit und Jugend anlangt, gibt es, von außen betrachtet, doch unterschiedliche Lebenswege. Herr Siegl ist in Bonn und Zürich in einem Schauspielerelternhaus aufgewachsen, Herr Seberg bei den Großeltern in Graz, in der Triestersiedlung.

Siegl: Letztendlich haben wir aber beide Wurzeln in der Steiermark. Was uns ebenfalls verbindet: Eine leicht wunde Seele haben wir beide - und das ist sicher irgendwie in der Kindheit und Jugend verankert. Uns eint auch: Ich habe bis heute nicht das Gefühl, irgendwo dazuzugehören. Ich sah mich selbst immer als eine Minderheit, aus welchen Gründen immer - weil ich im Ausland aufgewachsen bin, weil ich nicht mit den Kindern gespielt habe, sondern vom Balkon runtergeschaut habe. Oder weil man eben um Liebe buhlen musste. Ein gewisses Urvertrauen hat Gregor vielleicht mehr als ich, mir fehlt das jedenfalls immer noch ziemlich.

Seberg: Da möchte ich einhaken, ich glaube auch, dass wir dieses Verwundet-worden-Sein als Kind beide gemeinsam haben. Unser Beruf bringt es mit sich, dass man oft von Menschen, die man gar nicht kennt, angefreundelt und angeliebt wird, völlig zu Unrecht - denn nicht man selbst wird angefreundelt, sondern die Funktion, die man hat. Trotzdem nehmen wir beide das wahnsinnig gern an und in gewissen Situationen ist es gut, das nicht zu hinterfragen, sondern zu sagen: Schön, dieser Zuspruch tröstet und entschädigt für vieles. Aber das Blöde ist dann das Hirn, wenn es einem am Ende des Tages sagt: Dich haben sie nicht gemeint.

Siegl: Das ist eines der wenigen Korrektive, die wir vice versa anwenden. Zu sagen, der meint nicht dich, der meint den Oberstleutnant Helmuth Nowak oder den Oberst Dirnberger.

Wären Sie ein ähnlicher Jahrgang, glauben Sie, dass Sie als Jugendliche Freunde gewesen wären?

Seberg: Schon aus einem Grund ganz sicher, weil wir beide gern was anstellen. Den Aufenthaltsraum am Set hat man oft von einem Kindergartenaufenthaltsraum nicht unterscheiden können.

Siegl: Man darf sich ja nicht selbst loben, aber das Interessante ist, dass wir - mit Ausnahme der Autoritätspersonen - von den zahlreichen Mitarbeitern, die auf einem Set herumwuseln, eigentlich sehr gemocht wurden, eben weil wir solche Kinder waren und sind.

Seberg: Es gibt ja den Begriff des "Set-Kasperls" - besonders wenn die Stimmung beim Drehen angespannt ist, weil etwa die Zeit wegläuft, genau dann haben wir einen blöden Schmäh gemacht und die Leute unterhalten.

Siegl: Wenn dann 40 Leute lachen über eine Frechheit, hat es die Autorität schwer - das war auch etwas, wo ich mir am ersten Tag, als Gregor zur "SOKO" dazustieß, dachte: Aha, der macht das auch so - ist schnell in der Birne!

Seberg: Das ist ein Zauberwort, denn uns wird beiden sehr schnell fad. Und dann geht’s los mit den leisen Bemerkungen, den Wortspielen ...
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