Fotos © Robert Wimmer

INTERVIEW Wiener Zeitung, Printausgabe 21. Dezember 2013

»Musik zählt für mich nur, wenn sie berührt«

Christine Dobretsberger im Gespräch mit Toni Stricker

Der Geiger und Komponist Toni Stricker erklärt den Unterschied zwischen einem Musiker und einem Musikanten, berichtet von seinen Anfangsjahren als Jazzmusiker, und bekennt sich zu Harmonie und Schönheit als wichtigste Elemente seiner Musik.

"Wiener Zeitung": Herr Stricker, mit Ihrem Namen verbindet man zuallererst die von Ihnen geprägte "Pannonische Musik", aber auch swingenden Jazz. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass Sie eine "Pannonische Messe" geschrieben haben, die nicht nur zur Weihnachtszeit in Kirchen aufgeführt wird. Wie kamen Sie auf die Idee, eine Messe zu schreiben?

Toni Stricker: Es war eigentlich gar nicht meine Idee. Vor rund 35 Jahren hat mich der damalige Eisenstädter Diözesanbischof Stefan Laszlo nach einem Konzert gefragt, ob ich nicht einmal eine Messe schreiben möchte. Mich hat dieser Vorschlag damals natürlich überrascht und ich meinte: Das kann man sich überlegen. Letztendlich hat es weitere 30 Jahre gedauert, bis ich mich konkret mit diesem Thema befasst habe.

Musikalisch lehnt sich die "Pannonische Messe" an die Tradition von schlichten Volksmessen - etwa im Stile Franz Schuberts - an. Sollte die Komposition in diese Richtung abzielen?

Ja, Franz Schuberts Deutsche Messe "Wohin soll ich mich wenden . . . " hatte in gewisser Weise Vorbildcharakter und sollte mit Klängen aus dem pannonischen Raum ergänzt werden. Ich wollte eine Volksmesse schreiben, die von der Kirchengemeinde gesungen werden kann. Für festliche Aufführungen habe ich ein Arrangement für gemischten Chor, Orgel und Solo-Violine geschrieben. Die Parts der Solo-Violine wollte ich gerne selbst übernehmen, um mit einer sehr erzählenden, teils improvisatorischen Spielweise einen Kontrapunkt zum eher klassisch konzipierten Chor zu setzen. Damit wollte ich meine sehr persönliche musikalische Umsetzung Pannoniens auch innerhalb dieser Messe andeuten.

Zuletzt bei einer Aufführung der "Pannonischen Messe" in Rust konnte man die Beobachtung machen, dass einige Menschen zu Tränen gerührt waren.

Musik zählt für mich nur, wenn sie berührt. Ich halte nichts vom reinen Virtuosentum. Ich bin glücklich, wenn ich vor dem Publikum stehe und spiele. Dann ist auch das eine oder andere Wehwehchen vollkommen vergessen. Das finde ich wichtig, dass man sich reinfallen lassen kann in die Musik. Und wenn man dabei Menschen berühren kann, ist das doch schön!

Der Biologe Bernd Lötsch prägte folgenden Ausspruch: "Das wichtigste Bekenntnis Toni Strickers ist das zu Harmonie und Schönheit in der Natur und in der Kunst. Ehrfurcht vor der Schöpfung". Stimmen Sie damit überein?

Das sehe ich so. Es gibt ein Wort, das schon fast in Vergessenheit geraten ist, und ich finde, das sollte für uns Menschen zumindest zeitweise wichtig sein: Demut. Ich sehe die Menschheit nicht als etwas so überragend Großartiges, dass sie sich über alles hinwegsetzen kann.

Sind Sie ein religiöser Mensch?

Ich bin an und für sich ein gläubiger Mensch, bin auch von Kind an so erzogen worden. Das heißt aber nicht, dass ich mit allen Dingen, die in der Kirche passieren oder vonseiten der Kirche ausgehen, einverstanden bin. Da gäbe es sehr viel zu kritisieren und ich hoffe, dass dahingehend etliches durch den neuen Papst passieren wird.

Im Laufe Ihrer Karriere haben Sie viele musikalische Perioden durchlebt. Zu Beginn stand die klassische Ausbildung am Konservatorium in Wien, danach kam die Hinwendung zum Jazz.

Der Jazz war eigentlich naheliegend, weil das Kriegsende für uns eine andere Welt bedeutete. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste man hierzulande ja kaum etwas über Jazz. Mit Auftritten in amerikanischen Jazzclubs habe ich mir teilweise mein Studiengeld fürs Konservatorium verdient.

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